„Schreibaby“ – Interview mit Experte Markus Breitenberger

Ein sogenanntes „Schreibaby“ strapaziert die Nerven. Junge Eltern fragen sich, warum ihr Baby so viel schreit und was sie tun können. Markus Breitenberger ist seit 20 Jahren als Heilpraktiker und Homöopath in seiner eigenen Praxis in München tätig. Als Vater von vier Kindern und durch seine langjährige Erfahrung in der Homöopathie und Psychotherapie kann er viele wertvolle Ansätze teilen, die Eltern helfen zu verstehen wie sie ihr Kind bestmöglich unterstützen können.

Die 6 häufigsten Fragen zu Regulationsstörungen und dem sogenannten „Schreibaby“

Interview mit Experte Markus Breitenberger

Als „Schreibaby“ gilt ein Säugling, der täglich mehr als drei Stunden an mindestens drei Tagen der Woche über mehr als drei Wochen aus „heiterem Himmel“, d.h. plötzlich und aus unerklärlichen Gründen schreit und sich kaum beruhigen lässt.

Markus Breitenberger

Heilpraktiker

Wie erkenne ich ob mein Baby wirklich ein sogenanntes „Schreibaby“ ist?

Als „Schreibaby“ gilt ein Säugling, der täglich mehr als drei Stunden an mindestens drei Tagen der Woche über mehr als drei Wochen aus „heiterem Himmel“, d.h. plötzlich und aus unerklärlichen Gründen schreit und sich kaum beruhigen lässt. Dieses Verhalten tritt bei ca. 20% aller Säuglinge meist schon ab einem Alter von zwei Wochen auf – v.a. in den frühen Abendstunden und in der ersten Nachthälfte – und hört in den meisten Fällen ab dem 4. Monat wieder auf. Das Baby ballt dabei meist die Fäuste zusammen und zieht die Beine an. Der Bauch ist meist hart und aufgebläht, weil durch das Schreien viel Luft geschluckt wird, was heute als Folge und nicht als Ursache für das Schreien angesehen wird

Welche Symptomatik umfasst die sogenannten „Regulationsstörungen“ ?

Nicht jedes Baby, das mal länger schreit, ist ein „Schreibaby“ – Schreien bis zu einer Gesamtdauer von 60 Min. am Tag gilt für Babys als normal. Bei „ Schreibabys“ kommen zum Schreien andere Symptome hinzu, wie allgemein gesteigerte Erregbarkeit, verminderte Beruhigungstendenz, Trinkschwäche, Probleme beim Füttern und Schlafstörungen.

Schreibabys weinen mehrere Stunden am Tag scheinbar ohne erkennbaren Grund
Credits: tjsocoz – unsplash

Was sind die häufigsten Ursachen? Können diese auch psychische Ursachen haben in so jungen Monaten?

Die Diagnose ist meist nicht eindeutig. Nur bei 5-10 Prozent der unruhigen und anhaltend schreienden Babys, kann man eine Ursache zuordnen. Die allermeisten „ Schreibabys“ sind überreizt, schreckhaft und überfordert, haben eine sehr niedrige Reizschwelle und sind sehr sensible Wesen. Die Regulationsfähigkeit, die von Babys erlernt werden muss um „abzuschalten“, ist gestört. Dieser Lernprozess beginnt schon in der Schwangerschaft und setzt sich schwerpunktmäßig fort bis ca. zum vollendeten 2. Lebensjahr. Reguliert wird der Stress in dieser sensiblen Phase von der vorrangigen Bindungsperson, i.d.R. der Mutter. Wenn Mütter während der Schwangerschaft besonderen Belastungen ausgesetzt waren, wie etwa durch anhaltende Ängste oder Kummer, Stress am Arbeitsplatz oder Paarkonflikte schüttet die Mutter vermehrt Stresshormone aus, die zu einer psychischen Übererregung beim Un- und Neugeborenen führen können.

Auch wenn meist keine organischen Ursachen hinter dem Schreien stehen, wird der spezialisierte Kinderarzt neben den möglichen psycho-sozialen Ursachen auch physische Ursachen abklären, wie z.B.:

  • hirnorganische Schädigungen
  • neurologische Erkrankungen
  • KISS (kopfgelenksinduzierte Symmetriestörung)
  • Infektionen der Atemwege
  • Mittelohrentzündungen
  • Harnwegsinfekte
  • Krankheiten des Magen-Darm-Traktes z. B. Magenkolik
  • Refluxkrankheit
  • Darmentzündung
  • Verstopfung
  • Allergie gegen Gluten oder Kuhmilch, insbesondere Kuhmilchproteinintoleranz (nicht zu verwechseln mit Laktoseintoleranz)

Welche Lösungsansätze empfehlen Sie betroffenen Eltern?

Das Wichtigste ist Zuversicht zu vermitteln und ein häusliches Umfeld zu gestalten, das geprägt ist von Ruhe und Rhythmik. So gut wie immer müssen die Eltern erst einmal selber lernen ihren eigenen Stress zu erkennen und zu regulieren, um den Kindern helfen zu können. Eine reizarme Umgebung und eine klare Tagesstruktur mit regelmäßigen Schlafenszeiten schützt das Baby vor weiterer Reizüberflutung. Da lohnt es sich mit den Eltern ganz genau hinzusehen und scheinbar „normale“ Gewohnheiten zu überprüfen: die Häufigkeit von Besuch, die Lichtqualität im Raum, elektronische Geräte in der Umgebung des Babys, die Qualität der Krippe etc.

  • Zuversicht und klare Tagesstruktur vermitteln
  • ruhige, reizarme Umgebung schaffen
  • elterlichen Stress regulieren
  • „normale“ Gewohnheiten prüfen und gegebenenfalls anpassen

Wenn das eigene Baby sich kaum beruhigen lässt, kann das schon mal die elterlichen Nerven strapazieren. Wie können Eltern vorgehen, um selbst ruhig zu bleiben?

Hier hilft es sehr, wenn die Mutter, die in der Regel am meisten Zeit mit dem Baby verbringt, Entlastung bekommt durch den Vater oder andere nahestehende Personen, die frühzeitig als Bindungspersonen in das Umfeld des Babys „eingewöhnt“ werden.

Im ersten Lebensjahr sollten es wenn möglich neben der Hauptbindungsperson (i.d.R. die Mutter) maximal zwei andere Personen sein, die sich hauptverantwortlich um das Baby kümmern. Diese Personen müssen von der Hauptbindungsperson behutsam in die Mutter-.Kind-Beziehung mit aufgenommen werden, bis sich das Baby auch von dieser neuen Betreuungsperson beruhigen lässt – dieser Prozess kann Tage bis Wochen dauern und feinfühliges Verhalten, nicht biologische Verwandschaft ist die Voraussetzung dafür.

Manchen Müttern fällt es schwer eine Bindung zu ihrem Baby aufzubauen, wenn dieses sehr viel schreit. Was kann diesen Müttern helfen?

Einer ungestörten Bindung stehen besonders die Selbstvorwürfe im Wege, etwas falsch gemacht zu haben und einfach keine „gute Mutter“ sein zu können, wenn man das eigene Kind nicht beruhigen kann. Der Fokus geht dann in die Richtung, alles richtig machen zu müssen und die einfühlsame Zuwendung gerät in den Hintergrund. Daraus entwickelt sich eine Stressspirale, die unterbrochen werden muss durch mitfühlende informative Aufklärung ohne Schuldzuweisung.

Desweiteren muss die Mutter dabei unterstützt werden für sich selbst Ruhepausen zu finden, wo sie einfach mal ganz sie selbst und nicht „nur“ Mutter und Bedürfnisbefriedigerin ist. Die eigenen Bedürfnisse wieder zu erkennen und stillen zu lernen und sich zu erlauben Hilflosigkeit und Groll auszudrücken sind dabei ein guter Anfang. Oft kommen in diesem Prozess eigene unerlöste Themen aus der Kindheitsgeschichte zum Vorschein und manchmal kann es hilfreich sein, diese im Rahmen einer Psychotherapie aufzuarbeiten.

Mutter eines Schreibabys geht spazieren
Kleine Auszeiten als Mutter sind sehr wichtig
(Credits: esdesignisms – unsplash)

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Herr Breitenberger behandelt einige weitere Ratgeber-Themen auf seiner Website. Hier können Sie sich informieren:

www.praxis-breitenberger.de

*Interview mit Namensnennung/ Unbezahlte Werbung,